Nachdem feststand, dass es für mich kein Zurück zu meiner leiblichen Mutter geben würde, meldete meine Pflegemutter mich wieder in einer Grundschule in Bielefeld an.
Als mein erster Schultag kam, wusste ich sofort: Hier werde ich mich nicht wohlfühlen. Ich will nach Hause. Zuhause bedeutete für mich zweierlei – die Sicherheit meiner Pflegemutter und den Traum von einem Ort, an dem ich einfach geborgen sein durfte.
Doch schon nach kurzer Zeit machte mir meine Klassenlehrerin das Leben zur Hölle. Sie warf meine Frühstücksdosen weg, weil sie angeblich falsch waren. Meine Schulsachen sortierte sie aus, weil sie nach Rauch rochen – als wäre ich schuld daran, dass bei uns zu Hause in der Küche geraucht wurde. Wir hatten kein Luxusleben, aber für mich war es normal. Trotzdem begann ich, mich zutiefst zu schämen. Mit jedem Handgriff, den sie gegen mich richtete, wuchs das Gefühl: Ich bin wertlos.
Im Sportunterricht fand sie immer neue Gründe, mich auszuschließen. Mal waren die Schuhe nicht passend, mal die Kleidung nicht „ordnungsgemäß“. Egal was ich tat – es war nie gut genug.
Bald spürte ich jeden Tag Schmerzen: Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit. Ich war der festen Überzeugung, dass ich krank war. Als der Arzt schließlich meinte, das könne psychisch sein, fühlte ich mich unverstanden – meine Beschwerden waren doch real. Und plötzlich stand alles in Frage.
Meine Pflegemutter sprach mit mir darüber, und obwohl ich große Angst hatte, nicht ernst genommen zu werden oder in der Schule noch mehr Ärger zu bekommen, erzählte ich ihr alles. Es war beängstigend – und zugleich erleichternd, diese Last loszuwerden.
Am nächsten Tag handelte sie sofort. Die Schulleitung stellte fest: Ich war nicht das einzige Kind, das unter dieser Lehrerin litt. Ihre Konsequenz kam schnell – die Lehrerin durfte nur noch Vertretungsstunden im Sport geben.
Doch während andere vielleicht erleichtert gewesen wären, fühlte ich mich schuldig. Als hätte ich sie verraten. Gleichzeitig wuchs in mir Misstrauen: Würde es wirklich besser werden? Und dennoch – ganz tief in mir keimte ein kleines bisschen Hoffnung.
Mit meiner neuen Klassenlehrerin veränderte sich vieles. Sie präsentierte sich vom ersten Tag an anders: entspannter, nahbarer, sogar mit Humor. Zum ersten Mal durfte ich meine Brote so essen, wie sie mir gemacht wurden. Meine Schulsachen wurden akzeptiert. Es war ein anderes Klima – leichter, menschlicher. Und doch blieb die Angst in mir: Wie lange würde das halten?
Als die ersten Diktate und Mathearbeiten kamen, schöpfte ich anfangs Mut. Das schaffe ich. Doch wenn die Arbeiten zurückkamen, wollte ich im Boden versinken. Die guten Noten der anderen waren ein Spiegel, der mir meine Schwächen schonungslos zeigte. Vieren, Fünfen, manchmal sogar Sechser – ich fühlte mich bloßgestellt, auch wenn meine Lehrerin fair blieb und meine Noten nicht laut verkündete. Aus Scham begann ich zu lügen, wenn jemand fragte.
Nach zwei Jahren stand fest: Es brauchte einen Wechsel. Ein Test bestätigte, dass die Förderschule mein neuer Weg sein sollte.
An diese Zeit zurückzudenken, tut noch heute weh. Es war eine Zeit voller Scham, Angst und Schuldgefühle. Aber es war auch die Zeit, in der ich zum ersten Mal spürte: So darf es nicht für immer bleiben.
Und da war er – dieser kleine Funke. Ein Funke, der mir zuflüsterte:
„Das ist nicht das Ende deiner Geschichte. Es ist erst der Anfang.“

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