Es fällt mir schwer, den Anfang zu finden.
Vielleicht, weil meine Kindheit kein einfaches Kapitel ist. Sie war kompliziert – und ganz sicher keine schöne Kindheit. Es gab Momente, in denen die Sonne schien, aber viel öfter lag alles im Schatten.
Mein Vater war einmal mit einer wundervollen Frau zusammen. Nach vielen Umwegen wurde sie zu einer großartigen Ersatzmama für mich. Doch um zu verstehen, wie viel sie mir bedeutete, müssen wir ganz am Anfang beginnen.
Ich wurde Im August 1994 in Coppenbrügge geboren. Meine Schwester kam ein Jahr und drei Monate vor mir zur Welt. Wir haben dieselbe Mutter und denselben Vater – zumindest hoffe ich das. Aber egal, ob es so ist oder nicht: Sie ist und bleibt meine Schwester.
Von meiner frühen Kindheit habe ich nur Splitter in Erinnerung. Ich weiß, dass mein Vater sich früh von unserer Mutter trennte. Zu verschieden waren sie. Meine Schwester und ich zogen zu ihm und seiner neuen Partnerin. Warum, weiß ich nicht genau. Später hörte ich, dass unsere Mutter lieber feiern ging, als sich um uns zu kümmern. Vielleicht waren wir ihr einfach zu viel – immerhin hatte sie vor uns schon vier Kinder, die nicht bei ihr lebten.
Doch sie holte uns immer wieder zurück. Weil beide das Sorgerecht hatten, reichte ein Satz von ihr, und wir mussten wieder gehen. Ob wir in dieser Zeit in den Kindergarten gingen, weiß ich nicht mehr. Aber irgendwann – ich war drei oder vier – durften wir zurück zu unserem Vater und seiner Partnerin. Dort begannen wir im Kindergarten, und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl: Hier bin ich zu Hause.
Das war die schönste Zeit meines Lebens.
Diese Frau wurde für mich zu Mama. Sie zeigte mir, wie sich Liebe anfühlt. Sie gab uns ein Gefühl von Familie, von Sicherheit. Wir lachten, spielten, schlossen Freundschaften. Alles schien gut.
Doch das Glück hielt nicht. Immer wieder riss uns unsere Mutter aus diesem Zuhause. Sieben oder acht Mal mussten wir umziehen. Ich erinnere mich noch an die Worte meines Vaters:
„Wenn das so weitergeht, hole ich die Kinder nicht mehr zurück. Nicht, weil ich sie nicht will – sondern weil ich dieses Hin und Her nicht mehr ertrage.“
Inzwischen hatte unsere Mutter einen neuen Partner. Manchmal, wenn wir dort übernachteten, schlug er uns – schon bevor sie mit ihm ein Kind bekam. Für uns war es eine Zeit der Angst, in der wir nie wussten, was der nächste Tag bringen würde. Später kam unsere kleine Halbschwester zur Welt. Damit hatte unsere Mutter sieben Kinder – vielleicht sogar acht, wenn die Geschichten stimmen.
2001 – Meine Einschulung
Es war ein Tag, an dem viele Menschen da waren: unsere Mutter, unsere Halbschwester mit ihrem Vater, meine Oma, mein Papa, meine Mama (Pflegemama) und sogar deren beste Freundin. Ich war glücklich. Sogar meine besten Freunde waren mit mir in einer Klasse.
Ein Jahr lang lief alles gut.
Dann kam der Schicksalsschlag: Unser Vater starb an Krebs. Als unsere Mutter – davon erfuhr, wollte sie uns sofort wieder zu sich holen. Direkt nach der Zeugnisausgabe mussten wir uns verabschieden. Von unseren Freunden. Und von unserer Mama – der Frau, die uns großgezogen und geliebt hatte.
Das Jahr in Hameln war schwer. Der Tod meines Vaters und die ständigen Umzüge hatten mich verändert. Ich wurde still, ängstlich, unsicher. In der Schule wurde alles anstrengend. Lesen, Rechnen, Schreiben – es wollte nicht mehr gelingen. Dazu kam das Mobbing. Niemand wusste, was wir schon hinter uns hatten.
Kindheit unter Verantwortung
Unsere Mutter war selten zu Hause. Meine Schwester und ich übernahmen die Verantwortung für unsere kleine Halbschwester – Tag und Nacht. Wir waren selbst noch Kinder, aber unsere Tage bestanden aus Fläschchenmachen, Windeln wechseln, Trösten.
Wir liebten sie. Sie konnte nichts dafür. Aber die Last war zu schwer.
In diesen Jahren vermisste ich meine Mama – meine Pflegemama – mehr als alles andere.
Sie war mein sicherer Hafen gewesen. Die Frau, bei der ich lachen konnte, ohne Angst. Abends lag ich oft im Bett und stellte mir vor, einfach aufzuwachen und wieder in ihrem Zuhause zu sein – mit einem warmen „Guten Morgen“ statt mit dem Schreien eines Babys oder dem Gefühl, allein zu sein.
Diese Sehnsucht hielt mich über Wasser. Sie war mein stiller Anker.
Die Rückkehr
Als unsere Halbschwester drei Jahre alt war, zog sie zu ihrem Vater. Einige Monate später durften auch wir zurück zu unserer Pflegemutter. Kurz darauf starb meine Oma – ein weiterer Verlust, den ich kaum begreifen konnte.
Doch diesmal gab es auch eine gute Nachricht: Wir durften bleiben. Endgültig. Meine Schwester zog zwar noch einmal aus – kam aber ein Jahr später wieder.
Ich wusste: Ich gehe nicht mehr weg.
Ich wollte bei der Frau bleiben, die mir gezeigt hatte, was Liebe ist.

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