Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt
Zuhause lief erstmal alles wie immer.
Wir haben mit den Kindern zu Abend gegessen.
Sie ins Bett gebracht.
Mein Mann und ich sind noch zusammen mit dem Hund rausgegangen.
Eigentlich ein ganz normaler Abend.
Aber in mir war nichts normal.
Da war dieses Gefühl.
Ganz leise, aber deutlich.
👉 Irgendwas stimmt nicht.
👉 Du darfst jetzt nicht schlafen.
Als wir wieder zuhause waren, haben wir uns bettfertig gemacht und noch etwas Fernsehen geschaut.
Um 22 Uhr hat mein Mann den Fernseher ausgemacht, weil er am nächsten Tag arbeiten musste.
Aber ich konnte nicht abschalten.
Dieses Gefühl blieb.
Ich bin nicht eingeschlafen.
Der Anruf
Kurz vor 23 Uhr klingelte mein Handy.
Schon wieder das Krankenhaus.
Die Schwester war dran.
Ich solle bitte kommen – wenn ich die Möglichkeit habe.
Der Zustand meiner Mutter habe sich rapide verschlechtert.
Sie wüssten nicht,
ob sie die nächsten zwei Stunden überlebt.
In dem Moment war alles klar.
Ich bin sofort aufgestanden und habe mich angezogen.
Mein Mann hat gefragt, was los ist.
Und dann sagte er direkt:
„Du fährst nicht alleine.“
Aufbruch mitten in der Nacht
Wir mussten erstmal organisieren, dass jemand auf die Kinder aufpasst.
So kurzfristig.
Zum Glück hatte sein Bruder noch Zeit und war wach.
Es hat ungefähr eine halbe Stunde gedauert, bis er da war.
Es war inzwischen kurz vor halb zwölf.
Wir haben ihm noch kurz erklärt, was er sagen soll, falls die Kinder wach werden –
und vor allem, was er nicht sagen soll.
Dass wir im Krankenhaus sind, sollten sie nicht erfahren.
Dann sind wir losgefahren.
Der Weg, der sich falsch angefühlt hat
Diese Fahrt…
mein Gefühl hat mir die ganze Zeit gesagt,
dass das nichts Gutes wird.
Ich wusste es irgendwie.
Ohne es auszusprechen.
Zu spät
Im Krankenhaus haben wir uns unten angemeldet.
Sie wussten schon Bescheid.
Wir durften direkt hochgehen.
Auf der Station angekommen, sagte die Schwester, wir sollen kurz warten.
Zwei Pflegekräfte waren noch bei meiner Mutter im Zimmer.
Diese Minuten…
Ich kann dir nicht sagen, wie lange es gedauert hat.
Zehn Minuten.
Zwanzig.
Ich hatte kein Zeitgefühl mehr.
Dann ging die Tür auf.
Die Pflegekraft und die Schwester kamen raus.
Und sagten nur:
„Ihre Mutter ist gerade verstorben.“
Danach gibt es keine Worte mehr
In dem Moment war einfach alles weg.
Ich bin ins Zimmer gegangen.
Und habe mich an ihr Bett gesetzt.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da saß.
Zwei Stunden.
Drei Stunden.
Ich saß einfach nur da.
Ohne Gedanken.
Ohne Worte.
Einfach nur da.
Abschied nehmen, obwohl du nicht bereit bist
Irgendwann musste ich ihre Sachen zusammenpacken.
Diese Aufgabe…
fühlt sich falsch an.
Zu endgültig.
Ich habe ein Foto von den Kindern auf ihren Bauch gelegt.
Und immer wieder kam dieser eine Gedanke:
👉 Ich war nicht rechtzeitig da.
👉 Ich habe es nicht geschafft.
Dieses Gefühl…
kann ich nicht richtig beschreiben.
Es zerreißt dich innerlich.
Ein Gefühl, das ich schon einmal kannte
Und gleichzeitig hat es mich zurückgeworfen.
Zu einem anderen Moment in meinem Leben.
Zu meiner Pflegemutter.
Auch damals habe ich den Anruf bekommen.
Bin ins Krankenhaus gefahren.
Und zwei Stunden später war sie tot.
Und auch da war ich nicht da.
Und plötzlich war alles wieder da.
Dieses Gefühl von „zu spät sein“.
Von „nicht da gewesen sein“.
Der Morgen danach
Irgendwann sind wir nach Hause gefahren.
Es war ungefähr drei Uhr.
Wir haben uns nochmal hingelegt.
Und um sechs Uhr klingelte der Wecker.
Der Große musste zur Schule.
Der Kleine in die Kita.
Und ich…
musste funktionieren.
Ich wollte es ihnen nicht sofort sagen.
Nicht vor der Schule.
Nicht zwischen Tür und Angel.
Also habe ich mich zusammengerissen.
Und so getan,
als wäre alles normal.
Alleine mit allem
An diesem Tag war ich allein.
Nicht im Sinne von „niemand ist da“ –
sondern innerlich.
Eine ehemalige Freundin hat versucht, mich zu erreichen.
Ich bin nicht rangegangen.
Ich hatte keine Kraft.
Keine Kraft für Gespräche.
Keine Kraft für Probleme anderer.
Keine Kraft, mir anzuhören, dass es anderen auch schlecht geht.
Ich wollte einfach nur Ruhe.
Wie sagt man Kindern so etwas?
Ich brauchte Zeit.
Zeit, um selbst zu begreifen, was passiert ist.
Zeit, um irgendwie Worte zu finden.
Ich wollte es meinen Kindern so sagen,
dass es sie nicht komplett aus der Bahn wirft.
Das hat gedauert.
Drei Tage.
Vielleicht vier.
Dann habe ich es ihnen gesagt.
So einfach wie möglich.
So ruhig wie möglich.
So, dass sie es verstehen konnten.

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