Ein Leben zwischen zwei Welten
Es war kein Leben mehr.
Es war nur noch Funktionieren.
Routine um Routine, nur damit ich nicht völlig den Verstand verliere.
- Medikamente vorbereiten und zurechtstellen
- Waschen
- Neue Windel
- Bett beziehen
- Arzttermine
- Telefonate
- Rezepte abholen
Jeder Tag war durchgetaktet.
Jede Minute verplant.
Nicht für mich – für meine Mutter.
Sechs Monate, die alles veränderten
Sie hatte es tatsächlich geschafft, innerhalb von nur sechs Monaten nach der Diagnose die komplette Pflegeausstattung zu bekommen.
Hätte das sein müssen?
Nein. Vermutlich nicht.
Die Ärzte sagten uns damals, es sei ungewiss, wie lange sie ohne Chemo – die sie ja abgelehnt hatte – durchhalten würde.
Aber sie sprachen von maximal fünf Jahren, nicht von einem halben.
Und ich steckte mittendrin:
als Tochter, Krankenschwester, Haushaltshilfe, Fahrerin, Ansprechpartnerin.
Aber auch als Mutter.
Als Ehefrau.
Und ganz zum Schluss … als Mensch. Als Frau.
Zwischen zwei Welten
Meine Kinder sahen mich in dieser Zeit vielleicht zwei Stunden am Tag.
Silvia hatte mich komplett im Griff.
Aus „mal eben zwischendurch“ wurden ein paar Stunden pro Tag.
Dann acht.
Dann zwölf.
Bis ich am Ende nur noch zum Schlafen nach Hause kam.
Wie mein Tag aussah
Gott sei Dank brachte mein Mann die beiden Großen morgens weg.
08:00 Uhr – die Jüngste zur Tagesmutter
08:10 Uhr – schnell nach Hause, mit dem Hund raus
08:30 Uhr – zu Silvia
Aufrichten, waschen, Frühstück machen, aufräumen, Medikamente geben, reden, wieder ins Bett heben.
13:30 Uhr – kurz nach Hause, Hund raus
14:00 Uhr – die Kinder aus Schule und Tagesmutter holen, zur Oma bringen
14:30 Uhr – zurück zu Silvia – und alles wieder von vorne
Meine Kinder waren in dieser Zeit komplett bei der Oma, bis mein Mann sie um 17:30 Uhr nach der Arbeit abholte.
Wenn es gut lief, war ich gegen 18:00 Uhr kurz zu Hause.
Nur um zu kochen, kurz zu essen – und eine Stunde später wieder loszufahren.
Oft bis 22:00 oder 23:00 Uhr.
Nach Hause.
Schlafen.
Repeat.
Zwischen Schuld und Erschöpfung
Ich fehlte ihnen – und meine Familie fehlte mir.
Mein Mann wollte mir alles abnehmen, was er konnte.
Er wollte nicht, dass ich die eine Stunde, in der ich zu Hause war, noch mit Kochen oder Aufräumen verbringe.
Aber ich konnte nicht anders.
Ich kam mir schlecht vor, meinen eigenen Haushalt nicht mehr zu schaffen.
Ich war gefangen in einem Alltag, der keiner mehr war.

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