Ein Dienst, der da sein sollte – und keiner war da
Zwischen Pflegebett, Windeln und Medikamenten lag immer dieselbe Nummer:
der palliative Notdienst – der Dienst, der laut Hausärztin kommen sollte, wenn akute Situationen auftreten.
Fast ein Jahr war meine Mutter dort angebunden.
Ein Jahr, in dem nie jemand vor Ort war.
Alle paar Monate kam mal ein kurzer Anruf – eine sachliche Nachfrage, mehr nicht.
De facto: Sie kannten meine Mutter überhaupt nicht.
Doch als wir sie wirklich brauchten, waren wir erschüttert, allein – und völlig überfordert.
„Spritzen Sie einfach noch eine weitere Pulle Morphin.“
Das ganze Wochenende, seit Freitag, klagte meine Mutter über massive Schmerzen.
Ich war stündlich bei ihr.
Ihre Medikation – komplett ausgeschöpft.
Als wir am Samstagnachmittag den palliativen Notdienst anriefen, hofften wir auf Hilfe.
Auf jemanden, der kommt, der sie sieht, der die Lage einschätzt.
Doch das Einzige, was am Telefon kam, war:
„Spritzen Sie einfach noch eine weitere Pulle Morphin.“
Keine Frage nach ihrem Zustand.
Keine Frage nach ihrem Gewicht – trotz monatelanger Essensverweigerung.
Keine Einschätzung, keine Rückfragen – nur ein Blick auf irgendeine Tabelle:
„Ach, einer geht noch – so steht es bei Alter und Geschlecht.“
Und wir?
Wir taten, was er sagte.
Was blieb uns anderes übrig?
Wir spritzten mehr als die doppelte Tagesdosis, nur weil jemand am Telefon es so „vorgab“.
Die Notruf-Nacht um 04:00 Uhr – und wieder keine Hilfe
In der Nacht von Sonntag auf Montag drückte meine Mutter um 04:00 Uhr ihren Alarmknopf.
Der Ton war so laut, dass wir beide aus dem Bett hochschreckten.
Sofort schossen mir die Gedanken durch den Kopf:
Was soll ich denn jetzt noch machen?
Ich habe alles gegeben, jede Dosis, alles, was möglich war.
Mein Mann sagte:
„Bleib liegen. Ich fahr allein hin.“
Und ich war ehrlich gesagt erleichtert. Meine Kräfte waren am Ende.
Er rief den palliativen Notdienst wieder an.
Schilderte alles.
Wieder in der Hoffnung, dass jetzt jemand kommt.
Doch die Antwort war dieselbe Katastrophe:
„Wecken Sie bitte Ihre Frau. Sie soll vorbeikommen und weitere Dosen Morphin spritzen.“
Mein Mann weigerte sich.
Er erklärte, dass wir Verantwortung nicht mehr tragen können – nicht ohne ärztliche Sicht, nicht ohne Dokumentation, nicht ohne Sicherheit.
Er sagte klar:
„Was ist, wenn sie daran stirbt? Dann stehen wir am Ende da und es heißt, wir hätten sie getötet.“
Aber am Telefon kam nur Gleichgültigkeit.
Es wurde klar:
Der Mann hatte nicht vor zu kommen.
Der Rettungsdienst – und ein neues Hindernis
Also rief mein Mann den Rettungsdienst.
Zwei Männer kamen.
Der Jüngere war sofort sicher:
„Das ist ein palliativer Notfall. Nicht unser Bereich. Der Palliativdienst muss kommen.“
Mein Mann versuchte ruhig zu erklären, dass dieser sich seit zwei Tagen komplett verweigert.
Dass wir seit Freitag verzweifelt um Hilfe bitten.
Der Sanitäter glaubte ihm nicht:
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Kollegen vom Palliativnetz sind zuverlässig.“
Mein Mann sagte nur:
„Dann rufen Sie doch selbst dort an.“
Der Sanitäter tat es.
Er hörte dieselbe Antwort, die wir schon kannten:
„Dann soll seine Frau halt kommen und mehr Morphin geben.“
„Ich bräuchte jetzt auch über eine Stunde – das lohnt sich nicht, wenn ich rausfahre.“
Das war der Moment, in dem klar wurde:
Niemand wollte kommen. Niemand wollte Verantwortung übernehmen.
„Dann geben Sie es ihr doch selbst.“ – und ein unfassbarer Satz
Mein Mann blieb standhaft.
„Wenn sie mehr Medikamente braucht, geben Sie sie ihr.
Wir sind Laien. Sie sind Fachpersonal.“
Die Antwort des Rettungssanitäters:
„Wir dürfen keine Medikamente geben. Das darf nur ein Arzt.
Aber warum stellen Sie sich so an? Möchten Sie Ihrer Schwiegermutter nicht helfen?“
Dieser Satz sitzt bis heute.
Mein Mann bot an, einen Notarzt anzufordern.
Keine Chance – angeblich nicht zuständig.
Endlich ein Mensch – und eine Entscheidung
Erst der ältere Rettungssanitäter beendete dieses unwürdige Hin und Her.
Er sah:
- die Überforderung
- die Angst
- die Hilflosigkeit
- das Wegschauen aller anderen
Und er sagte ruhig und klar:
„Wenn der Palliativdienst nicht kommt und wir sonst niemanden erreichen, nehmen wir sie jetzt mit.“
Nach internen Diskussionen, Zuständigkeitsgerangel und zwei verlorenen Stunden
– wurde meine Mutter endlich transportfertig gemacht.
Es war inzwischen 06:30 Uhr.
2,5 Stunden reines Kopf-weg-drehen.
2,5 Stunden Diskussionen statt Hilfe.
2,5 Stunden Angst, Schmerz, Verantwortungslosigkeit.
Im Krankenhaus passierte endlich das, was längst nötig war
Erst dort – fernab von Tabellen, Zuständigkeiten und Ausreden –
bekam meine Mutter endlich die Hilfe, die sie dringend gebraucht hätte.
Und dieser Morgen brannte sich tief in uns ein:
Die Erkenntnis, dass man selbst in einem palliativen Notfall auf sich allein gestellt sein kann.

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