Ein neuer Gedanke – und eine Probeübernachtung
Der Gedanke an eine Wohngruppe fühlte sich im ersten Moment seltsam an – fast so, als müsste ich zugeben, dass ich es alleine nicht schaffe. Doch tief in mir wusste ich: Ich brauchte einen Ort, der mir Stabilität und Sicherheit gibt.
Bevor die Entscheidung fiel, gab es eine Probeübernachtung. Ich war nervös, wusste nicht, wie die anderen Bewohner sein würden oder ob ich mich dort wohlfühlen könnte. Doch die Nacht verlief ruhig – und zum ersten Mal seit Langem hatte ich das Gefühl: Vielleicht gibt es doch noch einen Platz, an dem ich ankommen kann.
Das erste Gespräch – gesehen werden
Kurz darauf folgte ein ausführliches Gespräch mit dem Leiter der Einrichtung. Er nahm sich Zeit, hörte mir zu und sprach auf Augenhöhe. Kein Druck, kein Herunterspielen – einfach echtes Interesse. In diesem Moment spürte ich: Jemand sieht mich. Nicht nur meine Probleme, sondern mich als Mensch.
So nahm alles seinen Lauf: Mein Einzug stand fest, und mit ihm begann ein neues Kapitel in meinem Leben.
Ein neues Zuhause in der Wohngruppe
Der endgültige Umzug in die Wohngruppe war für mich ein großer Schritt. Anfangs fühlte es sich komisch an, vor allem weil ich die Älteste dort war. Doch schon bald merkte ich: Hier wartet ein Zuhause, in dem ich willkommen bin. Nach einem langen Tag zurückzukommen und herzlich empfangen zu werden – das war genau der Halt, den ich brauchte.
Besonders eine Betreuerin spielte dabei eine wichtige Rolle. Auch wenn sie offiziell nicht meine Bezugsbetreuerin war, hatte sie einen festen Platz in meinem Herzen. Ihre Unterstützung gab mir Kraft, die ich dringend brauchte – gerade, weil die Ausbildung von mir viel verlangte.
Mein Alltag zwischen Schule und Praxis
Parallel zur Wohngruppe ging meine Ausbildung weiter. Zweimal die Woche hieß es: Rucksack packen und ab in die Berufsschule und mittags anschließend in den Betrieb. Die restlichen Tage verbrachte ich nur im Betrieb – dort warteten verschiedene Aufgabenbereiche auf uns: Hauspflege, Wäschepflege und Lehrküche.
Hauspflege
In der Hauspflege drehte sich alles um sauberes Arbeiten. Wir lernten verschiedene Reinigungstechniken kennen, kümmerten uns um die Blumen und besetzten morgens und mittags die große Spülküche. Schon da merkte ich: Struktur und klare Abläufe können einem Halt geben.
Wäschepflege
In der Wäschepflege war es ein bisschen wie zwei Welten. Auf der einen Seite der „unreine Bereich“: Maschinen befüllen, Arbeitskittel, Geschirrtücher oder Hotelwäsche waschen und trocknen. Auf der anderen Seite der „reine Bereich“: bügeln, mangeln, falten, alles ordentlich zusammenlegen und verpacken. Die Arbeit war manchmal eintönig, aber auch befriedigend, wenn am Ende alles sauber und ordentlich vor einem lag.
Lehrküche
Und dann kam meine Lieblingsstation: die Lehrküche. Schon der Start machte Spaß – zwei von uns gingen morgens einkaufen, während die anderen den Ablaufplan erstellten. Danach wurde geschnibbelt, gekocht, gelacht. Das Beste: Wir durften unser eigenes Essen probieren, statt in die Kantine zu müssen. Nachmittags ging es mit Backen weiter. Klingt nach viel Leerlauf – aber in Wirklichkeit war der Tag vollgepackt, und die Zeit flog nur so dahin.
Freude und Anerkennung
Besonders in der Lehrküche fühlte ich mich in meinem Element. Dort bekam ich oft ehrliches Lob: für meine Feinmotorik, meine Genauigkeit, und dafür, dass ich Dinge nach einmaligem Zeigen sofort umsetzen konnte. Dieses Gefühl, dass man meine Stärken sah, war unglaublich bestärkend.
Nur meine Schüchternheit stand mir manchmal im Weg. Ich hätte gern öfter laut gesagt, wie stolz ich auf mich war – aber ich behielt es für mich und trug es still im Herzen.
Freundschaften – Nähe und Bruch
Auch menschlich brachte die Ausbildungszeit viel mit sich. Ich fand drei enge Freundinnen, mit denen ich fast alles gemeinsam machte. Wir waren wie ein kleines Team, unzertrennlich, überall zusammen. Doch mit den Jahren wurde es anstrengender. Nähe wurde zur Belastung, und im dritten Lehrjahr zerbrach der Kontakt zu einer von ihnen endgültig. Das tat weh, war aber vielleicht auch ein wichtiger Schritt, um mich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.
Unsicherheit und Stolz
Eines war in dieser ganzen Zeit immer da: Unsicherheit. Ich fragte mich oft, ob ich gut genug bin, ob ich das alles schaffen kann. Aber gleichzeitig war da auch Stolz. Stolz darauf, dass ich hinging, durchhielt, und mich den Aufgaben stellte – egal, wie groß die Zweifel manchmal waren.
Ausbildung und Wohngruppe – ein unschlagbares Team
Heute weiß ich: Ohne die Wohngruppe hätte ich die Ausbildung nach der Probezeit abgebrochen. Die Wohngruppe war nicht nur ein Dach über dem Kopf – sie war meine Basis, mein sicherer Hafen.
Die Ausbildung forderte mich, ließ mich wachsen und zeigte mir, dass ich etwas leisten kann. Die Wohngruppe gab mir dafür die Stabilität, die ich brauchte. Zusammen ergab das eine Kombination, die mich durch diese herausfordernde, aber auch prägende Zeit getragen hat.

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