Der Anfang vom Ende – und das Schauspiel begann
So stand ich nun da.
Keine Freunde mehr seit der Geburt meiner Tochter.
Ich wollte einfach nicht mehr der Kummerkasten für alle sein.
Nicht mehr die Probleme anderer anhören.
Nicht mehr hören, wie unerzogen meine Kinder seien, dass sie ein Fehler, eine Belastung oder eine Strafe des Himmels wären.
Und beruflich?
Auch da war Feierabend.
Ich hatte beim DRK gekündigt – nicht, weil ich wollte, sondern weil meine Nerven endgültig aufgegeben hatten.
Zu viel Druck, zu viel Demütigung, zu viel „Du musst funktionieren“.
Ich brauchte Luft. Abstand. Ruhe.
Doch genau die bekam ich nicht.
Denn eine Person blieb – meine Mutter.
Ihr Leiden musste immer einen Platz in meinem Alltag finden.
Warum? Keine Ahnung.
Vielleicht, weil ich einfach nicht der Mensch bin, der gern Nein sagt.
Vielleicht, weil ich niemanden vor den Kopf stoßen kann.
Ich bin halt eher der hilfsbereite Typ – selbst dann, wenn alles längst zu viel wird.
Also hörte ich mir Tag für Tag an, wie schlecht es ihr ging.
Der Husten sei unerträglich, die Ärzte unfähig, niemand würde sie ernst nehmen.
Also schleppte ich sie wieder zu meinen Ärzten – allein konnte sie das ja angeblich nicht.
Oder wollte es einfach nicht.
Ich erzählte meiner Ärztin vom ständigen Husten und den Schmerzen an der Rippenseite.
Sie entschied, ein Röntgenbild machen zu lassen.
Ich machte den Termin sofort.
Ich hatte nur eine Frage im Kopf:
Wie kann es sein, dass all die Ärzte vorher nichts getan haben, wenn sie ihnen doch die gleichen Beschwerden geschildert hat?
Die Antwort kannte ich:
„Die Ärzte sind alle unfähig!“ – zumindest laut Silvia.
Bis zum Röntgen musste sie nun „durchhalten“.
Aber das war kein Problem – sie hatte sich ja genug andere Termine organisiert:
Orthopäde, HNO, Akustiker… langweilig wurde es also nicht.
Der Röntgentermin
Der Tag kam, wir fuhren hin – meine Tochter natürlich mit dabei.
Unterlagen ausfüllen, warten, Röntgen, warten.
Dann das Ergebnis:
Wasser in der Lunge.
Und… da sei noch etwas.
Mir rutschte das Herz in die Hose.
Ich wusste: Das ist nichts Gutes.
Die Ärztin sagte klar:
„Sie müssen sofort ins Krankenhaus.“
Aber meine Mutter?
Nein.
Sie wollte nach Hameln – zur Beerdigung ihres Bruders.
Ich riet ihr ab. Sie fuhr trotzdem.
Einen Tag später der Anruf: „Könnt ihr sie abholen?“
Natürlich. Wer sonst.
Ins Krankenhaus wollte sie immer noch nicht.
Ich ließ es stehen – ich hatte keine Kraft mehr.
Die Einweisung
Montag früh:
„Wir müssen um zehn zum Arzt!“
Keine Frage, ob ich kann. Keine Rücksicht, dass ich ein Baby habe.
Nur eine Ansage.
Wir fuhren hin.
Ergebnis:
Einweisung und Überweisung fürs Krankenhaus.
Welche sie davon abgibt?
„Das entscheide ich noch.“
Als ich meinem Mann davon erzählte, bot er sofort an, sie zu begleiten.
Und ganz ehrlich?
Ich war erleichtert.
Denn ja – diese Frau war mir peinlich.
So richtig peinlich.
Warum?
Das kommt jetzt.
Das Schauspiel beginnt
Mein Mann kam nach Hause, küsste mich und war praktisch schon wieder auf dem Weg.
„Ich hol deine Mutter“, sagte er – und ich dachte nur:
Viel Spaß, mein Schatz.
Bei Silvia angekommen:
Sie sprang – wirklich sprang! – die Treppe runter ins Auto.
Die Krankenhaustasche schwang sie wie eine Sporttasche, und das „viel zu hohe Auto“ war ihr größtes Problem.
Mein Mann dachte sich nur:
Aha. Neue Energie gefunden.
Die ersten Kilometer waren ruhig.
Bis plötzlich Akt zwei begann.
Sie setzte zu einem Husten an.
Nicht normal.
Sondern dramatisch.
Schwer atmend.
Operndiva kurz vor dem finalen Zusammenbruch.
Mein Mann erkannte es sofort:
Dieser berühmte „Ich hau jetzt mal richtig einen raus“-Husten.
Als er trocken anmerkte, dass es vielleicht klüger gewesen wäre, direkt ins Krankenhaus zu fahren statt nach Hameln, war der Anfall plötzlich – puff – weg.
Wunderheilung – Teil 1
Am Krankenhaus angekommen:
Silvia sprang aus dem Auto, beschwerte sich über den Kofferraum und wollte erstmal eine rauchen.
Also standen sie da, lachten, machten Witze –
Silvia gut gelaunt wie eine Frau Anfang 40 auf dem Weg zum Mädelsabend.
Doch kaum gingen sie Richtung Eingang, wechselte sie wieder in Slow-Motion-Modus.
Sie tippelte an der Wand entlang.
Stöhnte.
Tat, als würde jeder Schritt der letzte sein.
„Ich kann nicht mehr… ich bekomme keine Luft…“
Mein Mann dachte sich:
Jetzt geht’s los.
Der große Auftritt in der Anmeldung
Im Schneckentempo schleppte sie sich zur Anmeldung.
Die Mitarbeiterin bekam große Augen – Panik pur.
Und mein Mann?
Er stand daneben und versuchte, nicht laut loszulachen.
Er sagt heute noch:
„Ich war der unsympathischste Mensch im ganzen Krankenhaus.
Die Dame tat mir leid, aber ehrlich… ich konnte nicht mehr.“
Als die Mitarbeiterin fragte, ob Silvia einen Rollstuhl braucht, winkte sie heldenhaft ab:
„Nein, nein… ich bin tapfer…“
Mein Mann grinste – die Mitarbeiterin sah ihn an, als wäre er der Teufel persönlich.
Wunderheilung – Teil 2
Treppenhaus.
Silvia weiterhin im Leidensmodus.
Doch als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel…
Schnitt.
Silvia sprintete.
Rannte die Treppe hoch wie ein junger Gott.
Mein Mann kam kaum hinterher.
Oben angekommen:
Topfit.
Strahlend.
Keine Beschwerden.
Der Rückfall – vor Publikum
Kaum erreichten sie den Bereich der Notaufnahme, fiel der Vorhang wieder:
Humpeln.
Stöhnen.
Kurz-vor-dem-Exitus-Miene.
Mein Mann ging schon vor – er wusste, was kommt.
Und tatsächlich:
Silvia kam um die Ecke, als wäre sie kurz vor einem Kollaps.
Die Anmeldung war schockiert, mein Mann nur müde amüsiert.
Finale
Sie warteten zwei Stunden.
Silvia wurde unruhig und wollte rauchen gehen.
Mein Mann verneinte.
Sie schmollte.
Dann wurde sie aufgerufen.
Die Ärztin entschied:
Sie muss dableiben.
Mein Mann fuhr nach Hause – erschöpft, fassungslos, amüsiert.
Sein Fazit:
„Ein Krankenhausbesuch irgendwo zwischen Drama, Comedy und spontaner Wunderheilung.“
Und ich?
Ich konnte nicht anders als zu lachen.
Denn wenn meine Mutter eines konnte, dann war es:
Schauspiel.
Oscarreif.
Immer. Überall.

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