Mein erster Versuch im Rettungsdienst
Nach der Zeit zu Hause wollte ich etwas ganz Neues wagen: meine erste Ausbildung im Rettungsdienst.
Allein die Entscheidung dafür fühlte sich riesig an – aufregend, aber auch beängstigend. Ich schrieb Bewerbungen, stellte mich den Vorstellungsgesprächen und bekam tatsächlich eine Chance. Diese Gespräche waren jedes Mal eine Qual für mich. Schon Tage vorher hatte ich Herzklopfen, schwitzige Hände, das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen – vor allem wegen meiner Kinder. Würde man mich überhaupt ernst nehmen? Oder gleich aussortieren, weil ich Mutter war?
Trotz aller Zweifel bekam ich die Zusage. Ich war stolz, erleichtert – und gleichzeitig voller Unsicherheit, ob ich diesem Weg wirklich gewachsen war.
Ein schwerer Start – oder doch ein aufregender?
Die ersten Tage waren eigentlich gar nicht schwer – sie waren aufregend und spannend. Endlich begann etwas Neues, etwas, das ich mir so sehr gewünscht hatte. Mein Mann und ich machten die Kinder morgens gemeinsam fertig, doch das Wegbringen blieb immer an mir hängen.
Zuerst brachte ich den Kleinen mit seinem Freund zur Tagesmutter. Zum Glück war das meistens schnell erledigt: Sie nahm ihn sofort an die Hand und verschwand mit ihm ins Haus, damit die Trennung nicht noch schwerer wurde. Natürlich weinte er, aber kaum war ich zwei Minuten vom Hof, bekam ich schon ein Foto, wie er fröhlich spielte. Das gab mir Sicherheit – er fühlte sich wohl.
Anders sah es beim Großen aus. Sobald wir am Kindergarten ankamen, fing das Theater an. Er jammerte, er schrie, er klammerte sich an mich und wiederholte immer dasselbe: „Kindergarten ist langweilig!“ Für mich gab es aber keine Diskussionen, ich musste schließlich weiter. Vor mir lagen noch gut 20 Kilometer bis Bielefeld, und die Uhr tickte gnadenlos. Also musste immer eine Erzieherin kommen und ihn mir buchstäblich aus den Armen nehmen.
Diese Schreie werde ich nie vergessen. Mein Mama-Herz blutete jedes einzelne Mal, und am liebsten hätte ich einfach mitgeweint. Und doch stieg ich jedes Mal ins Auto, mit Tränen in den Augen und einem Kopf voller Fragen:
- Mache ich das Richtige?
- Ist es fair, meine Kinder so losreißen zu müssen?
- Sollte ich alles hinschmeißen und einfach für sie da sein?
Immer wieder, nach jedem dieser Abschiede, rauschten tausend Gedanken durch meinen Kopf. Und während ich fuhr, kämpfte ich mit dem Gefühl, zwischen meinem Traum und dem Wohl meiner Kinder zerrieben zu werden.
Unwohlsein in der Schule
Schon in den ersten Wochen an der Rettungsdienstschule merkte ich: Hier fühlte ich mich nicht wohl.
Viele liefen mit erhobener Nase herum, andere waren so sehr auf sich selbst fixiert, dass für normale, bodenständige Menschen kaum Platz blieb. Schnell hatte ich das Gefühl, dass es nicht um Miteinander oder Zusammenhalt ging, sondern um Ego, Status und darum, wer am meisten glänzt.
Heute wundert mich nichts mehr, wenn man sagt, dass viele im Rettungsdienst meinen, sie seien etwas Besonderes oder gar „besser“ als andere. Diese Arroganz schien in diesem Beruf fast schon normal zu sein – und genau das machte es für mich so schwer.
Ich wusste allerdings: Auf dieses Niveau lasse ich mich nicht ein. In meinem Freundeskreis hatte ich schon einmal so eine Person erlebt, und das hatte mir mein Leben damals schon schwer genug gemacht. Ich wollte nicht noch mal mit solchen Menschen in Kontakt kommen – zumindest nicht in diesem Ausmaß.
Der Druck wächst
Je näher die schriftliche Prüfung kam, desto stärker spürte ich, wie sich der Druck aufbaute. Nicht die Prüfung selbst machte mir Angst – die hätte ich wahrscheinlich geschafft. Es war alles drumherum, was mich zermürbte.
Mein Lehrer zeigte kaum Verständnis. Schon ein paar Minuten zu spät zu sein, reichte, um es groß zu thematisieren. Für ihn war Pünktlichkeit alles, egal, ob dahinter zwei kleine Kinder standen, die morgens nicht loslassen wollten. Und genau das traf mich. Ich wusste: Mit zwei Kindern konnte ich nicht funktionieren wie jemand, der frei und unabhängig war.
Dazu kam mein Sohn, der immer mehr klammerte, je weniger Zeit ich für ihn hatte. Jeder Abschied wurde schwieriger, jedes Mal nahm ich sein Weinen mit in den Tag. Ich fühlte mich hin- und hergerissen:
- Als Mutter, weil ich morgens das Gefühl hatte, meine Kinder im Stich zu lassen.
- Als Schülerin, weil ich nie so perfekt sein konnte, wie es verlangt wurde.
- Und als Frau, weil ich mich selbst kaum noch wiedererkannte.
Ich war ständig am Rennen, am Erklären, am Rechtfertigen – und merkte, wie mir die Luft zum Atmen fehlte.
Der Abbruch
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste: So geht es nicht weiter. Ich machte Kompromisse, die mir wehtaten. Ich war nicht mehr die Mutter, die ich sein wollte. Ich war nicht die Schülerin, die man erwartete. Und ich war auch nicht mehr ich selbst.
Kurz vor der Prüfung wurde es dann endgültig deutlich: Mein Lehrer wollte mich nicht mehr zur Prüfung zulassen. Für ihn zählten nur Regeln und perfekte Abläufe – meine Realität mit zwei Kindern passte da nicht hinein. Damit war klar: Ich musste gehen.
Dieser Moment tat weh – sehr weh. Ich fühlte mich enttäuscht, beschämt, frustriert. Ich hatte gehofft, es durchzuziehen, hatte mir so sehr gewünscht, endlich anzukommen. Stattdessen stand ich mit leeren Händen da. Aber gleichzeitig war da auch eine kleine Erleichterung. Ein Teil von mir wusste: Weiterzumachen hätte mich kaputtgemacht.
Im Rückblick empfinde ich das nicht nur als Scheitern. Es war eine ehrliche Entscheidung in einer schwierigen Lebensphase – auch wenn sie mir am Ende von außen fast abgenommen wurde. Ich habe mir selbst eingestanden, dass es so nicht funktioniert. Und auch wenn es wehgetan hat, war genau das ein Stück Stärke: zu erkennen, wann es zu viel ist.

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