Enttäuschung vor den Feiertagen
Die Wochen vor Weihnachten hatten für mich keinen Zauber von Lichterglanz und Vorfreude – im Gegenteil, sie begannen mit einer bitteren Enttäuschung.
Ich hatte mich mit meiner Schwester verabredet, wollte sie sehen und hatte sogar schon ein Geschenk für sie besorgt. Es regnete in Strömen, doch das hielt mich nicht davon ab, loszugehen. Ich rief sie an, aber sie ging nicht ran. Also machte ich mich direkt zu ihrer Wohnung auf.
Dort traf ich ihre Mitbewohnerin, die mir ohne Umschweife sagte: „Deine Schwester liegt mit ihrem neuen Freund im Bett.“
Ich war wie vor den Kopf gestoßen, fragte sie, ob ich reingehen dürfe – und sie nickte. Also öffnete ich die Tür und sah die beiden, kuschelnd vor dem Fernseher. In mir kochte die Wut. Ich schleuderte meiner Schwester das Geschenk entgegen – und traf dabei ausgerechnet ihren Freund.
Heute muss ich fast schmunzeln über die Szene, doch damals war es alles andere als lustig. Es war nicht nur Wut, sondern auch Eifersucht. Immer wieder hatte sie neue Kerle, während ich mich fragte: Wie macht sie das nur? Ich wusste, dass sie hübsch war und wir einfach verschieden waren, doch es nagte an mir.
Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und ging. Für mich war das Treffen vorbei, bevor es überhaupt begonnen hatte.
Und doch – ohne es zu wissen – hatte ich in genau diesem Moment jemanden getroffen, der 14 Monate später zu meinem Ehemann werden sollte. Damals war er für mich nichts weiter als „der Neue“ meiner Schwester. Nicht mehr und nicht weniger.
Weihnachten in der Wohngruppe
Die eigentlichen Feiertage starteten in der Wohngruppe. Drei Jahre lang feierte ich dort Weihnachten, und jedes Mal hatte es seinen eigenen Zauber. Wir gingen gemeinsam essen, machten kleine Wettbewerbe, lachten viel und tauschten natürlich auch Geschenke aus. Es war nicht wie in einer „normalen“ Familie – aber für uns war es etwas, das sich warm und vertraut anfühlte.
Doch dieses Weihnachten war anders. Vielleicht, weil ich wusste, dass es mein letztes hier sein würde. Bald würde ich ausziehen, mein eigenes Leben beginnen.
Und so sog ich jede Kleinigkeit auf – das gemeinsame Lachen, das Essen, die vertrauten Gesichter. All das bekam in diesem Jahr eine besondere Bedeutung, fast so, als wollte ich es tief in mir abspeichern.
Feiertage mit meiner Mutter
Am ersten Weihnachtstag holte mich dann meine leibliche Mutter, Silvia, ab. Für zwei Tage tauchte ich in eine ganz andere Welt ein. Sie beschenkte mich reichlich – aber es waren keine Kleinigkeiten, sondern nützliche Dinge für meine erste eigene Wohnung. Ich hatte ihr in den Treffen zuvor erzählt, dass ich bald ausziehen würde, und sie nahm das ernst.
In mir kämpften zwei Gefühle miteinander. Einerseits war ich dankbar, weil ich wusste, dass ich dadurch später viel weniger aus eigener Tasche kaufen musste. Andererseits fragte ich mich: Will sie damit etwas wieder gutmachen? Denn die Zeit, die wir nicht miteinander hatten, konnte auch kein Geschenk ersetzen.
Und trotzdem – auf ihre Art unterstützte sie mich in diesem Moment. Das war mehr, als ich zuvor erwartet hatte.
Zwischen Feiertagen und Zukunft
Kaum waren die Feiertage vorbei, rückte der Alltag wieder näher. Meine Ausbildung ging weiter, und die Abschlussprüfung stand kurz bevor. Die Nervosität wuchs mit jedem Tag. Weihnachten war für mich in diesem Jahr nicht nur ein Fest, sondern ein Wendepunkt: Zwischen alten Verletzungen und neuen Chancen, zwischen der Wärme der Wohngruppe, den gemischten Gefühlen zu meiner Mutter – und einer Begegnung, deren Bedeutung ich erst Jahre später wirklich begreifen sollte.

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