Der erste Abend – alles wirkt noch stabil
Am Abend, nachdem sie ins Krankenhaus gebracht wurde, haben wir noch eine Nummer vom diensthabenden Arzt bekommen.
Ich sollte mich am Montag bei ihm melden.
Dann sind wir zu ihr ins Zimmer.
Zu dem Zeitpunkt war sie erstmal gut auf Medikamente eingestellt.
Sie wirkte ruhig, stabil – soweit man das in so einer Situation sagen kann.
Wir sind nicht lange geblieben, vielleicht zwei Stunden.
Sie musste erstmal ankommen.
Es musste noch einiges organisiert werden.
Und wir mussten nach Hause, die Kinder versorgen.
Das war für sie in Ordnung.
Also sind wir gefahren und haben sie erstmal in Ruhe gelassen.
Sonntag – ein erstes Gefühl von Veränderung
Am Sonntag sind wir wieder hingefahren.
Wieder ohne Kinder – wir wollten sie damit nicht mehr belasten.
Dieses Mal sind wir länger geblieben.
Und schon da hat man gemerkt, dass sich etwas verändert hat.
Sie war stark auf Schmerzmittel eingestellt.
Ihr Sprechen war nicht mehr normal.
Sie hat viel gelallt, war nicht mehr klar.
Aber sie hatte keine Schmerzen mehr.
Meine Mutter erzählte mir, dass sie ihr Wasser aus dem Bauch gezogen hatten –
insgesamt zwei Liter.
Außerdem wurde eine Drainage gelegt, um das restliche Wasser nach und nach abzulassen.
Man hat sofort gesehen, dass ihr Bauch nicht mehr so extrem aufgebläht war.
Und genau in diesem Moment wusste ich, was das bedeutet.
Die Hausärztin hatte es am Tag vorher gesagt:
Sobald sie anfangen, das Wasser rauszuziehen, ist es das Ende.
Und da wurde es für mich real.
Montag – ein Tag Abstand
Am Montag habe ich versucht, den Arzt zu erreichen.
Immer und immer wieder.
Aber vergebens – er ging nicht dran.
Wir hatten eigentlich vor, nochmal hinzufahren.
Aber mein Mann musste lange arbeiten, und die Kinder wollten endlich mal wieder Zeit mit mir.
Also habe ich entschieden, an diesem Tag nicht zu fahren.
Ich habe diese Zeit – das erste Mal seit über einem Jahr –
für mich und meine Familie genutzt.
Dienstag – der Anruf
Am Dienstagmorgen um 08:30 Uhr kam dann endlich der Anruf vom Arzt.
Aber es war nicht der Anruf, den man sich erhofft.
Im Gegenteil.
Er sagte mir, dass sich der Zustand meiner Mutter stark verschlechtert hat.
Sie sei kaum noch ansprechbar.
Und ich solle bitte so schnell wie möglich kommen.
Er konnte mir nicht sagen, wie lange sie noch hat.
Es könnten Tage sein.
Stunden.
Minuten.
Oder vielleicht doch noch etwas länger.
Aber ich solle mich darauf einstellen,
dass es die letzte Möglichkeit ist, sie noch zu sehen.
Zusätzlich sagte er, dass ein Hospizplatz in Bielefeld frei wäre
und sie – wenn sie es schafft – am nächsten Tag dorthin verlegt werden könnte.
Der Weg dorthin
Ich habe sofort meinen Mann angerufen.
„Wir müssen ins Krankenhaus.“
Er fragte, was passiert ist,
und ich erzählte ihm von dem Gespräch mit dem Arzt.
Natürlich war mir klar, dass er nicht von jetzt auf gleich alles stehen und liegen lassen kann.
Also hat er mit seinem Chef gesprochen und die Situation erklärt.
Zum Glück durfte er früher gehen und hatte um 12 Uhr Feierabend.
Ja, ich hätte auch alleine fahren können.
Aber mein Mann wollte das nicht.
Und ganz ehrlich:
Egal, wie schwierig die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir war –
alleine sterben hat niemand verdient.
In der Zeit habe ich mich um alles gekümmert.
Ich bin mit dem Hund raus.
Ich habe organisiert, dass die Kinder gut untergebracht sind.
Und dann habe ich gewartet,
bis wir endlich losfahren konnten.
Das letzte Aufbäumen
Als wir angekommen sind, war sie plötzlich wieder etwas fitter.
Dieses typische „Hoch“, von dem man manchmal hört.
Aber es war anders.
Ganz anders.
Sie war nicht mehr wirklich da.
Sie hat nur noch in der Vergangenheit gesprochen.
War gedanklich irgendwo anders.
Hat sich gefragt, ob sie noch etwas erledigen muss.
Ich habe ihr ruhig gesagt,
dass sie sich um nichts mehr kümmern muss.
Dass ich das jetzt übernehme.
Dass sie alles getan hat.
Dann ist sie wieder eingeschlafen.
Sie hatte lange Atempausen, bei denen ich jedes Mal dachte:
Jetzt war es das.
Jetzt hört ihr Herz auf zu schlagen.
Wenn sie wieder wach wurde,
war sie kaum ansprechbar –
oder ihre gewohnte, motzige Art kam wieder durch.
Ich werde es nie vergessen:
Sie sagte, sie will etwas essen.
Ich habe versucht, etwas zu organisieren.
Als ich endlich etwas hatte, wollte sie nicht mehr.
Und ist wieder eingeschlafen.
Das ging immer wieder so.
Zwischendurch fragte sie mich,
warum ich sie nie besuchen würde.
Und ich sagte ihr ruhig,
dass ich immer da war –
außer am Montag.
Dass ich jetzt auch schon seit Stunden bei ihr sitze.
Dann hat sie sich entschuldigt.
Und ist wieder eingeschlafen.
Ein Moment, der unter die Haut geht
Kurz bevor wir gehen wollten, wurde sie nochmal wach.
Sie schaute plötzlich panisch an die Decke und sagte:
„Das macht mir Angst… der Vogel ist auch weg.“
Zur Erklärung:
An der Decke waren Äste gemalt.
Mein Mann sagte später,
dass sie das vielleicht als Hände wahrgenommen hat.
Dieser Moment…
ist mir eiskalt den Rücken runtergelaufen.
Der Abschied, der sich anders angefühlt hat
Um 17:30 Uhr habe ich ihr gesagt,
dass wir jetzt nach Hause fahren müssen.
Nicht, weil wir wollten –
sondern weil wir mussten.
Die Kinder waren den ganzen Tag bei Oma.
Es wurde Zeit für Abendessen.
Für Alltag.
Ich habe ihr gesagt,
dass wir uns morgen wiedersehen –
nur nicht mehr hier,
sondern in ihrem neuen Zuhause.
Dort, wo sie besser betreut wird.
Als ich mich verabschiedet habe und ihr eine gute Nacht gewünscht habe,
sagte sie zu uns:
„Tschüss. Schlaft ihr beiden schön.“
Das hat sie nie gesagt.
Wirklich nie.
Und in diesem Moment hat es sich angefühlt,
als würde sie sich verabschieden.
Ohne, dass ich es richtig greifen konnte.
Danach
Wir sind nach Hause gefahren.
Und ich wusste nicht,
ob ich sie noch einmal lebend sehen werde.

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