Als wäre nichts gewesen
Nachdem die Gutachterin gegangen war, habe ich mich zu meiner Mutter gesetzt und ihr von dem Gespräch erzählt.
Und wie so oft in dieser Zeit war es, als wäre das alles nie passiert.
Sie saß wieder ganz normal da, war ansprechbar, hat geraucht, hat nach Kaffee gefragt – einfach wieder „da“.
Kein Vergleich zu dem Zustand wenige Minuten vorher.
Ich habe ihr trotzdem alles erklärt.
Dass wir Unterstützung brauchen.
Dass ich das nicht mehr alleine schaffe.
Dass jetzt ein Pflegedienst mit ins Haus muss und wir uns auch um weitere Hilfe kümmern müssen, gerade im palliativen Bereich.
Und wie erwartet war sie davon überhaupt nicht begeistert.
Sie wurde laut, hat sich aufgeregt, wollte das alles nicht.
Keine Fremden.
Kein Pflegedienst.
Keine Veränderung.
Ich habe sie einfach reden lassen.
Ich hatte keine Kraft mehr, dagegen anzukämpfen.
Ich habe gewartet, bis sie sich wieder beruhigt.
Bis man überhaupt wieder normal mit ihr sprechen kann.
Aber dazu kam es gar nicht mehr wirklich.
Denn plötzlich hat sie das Thema einfach gewechselt und gefragt, ob ich noch einkaufen fahre – sie bräuchte wieder Zigaretten.
Seit der Diagnose ist sie zur absoluten Kettenraucherin geworden.
In diesen Tagen hat sie ungefähr 400 Zigaretten in vier Tagen geraucht.
Und ich bin einfach gefahren.
Wie immer.
Der Punkt, an dem wir gesagt haben: Jetzt reicht es
Auf dem Weg habe ich meinen Mann angerufen und ihm alles erzählt.
Dass sie Pflegegrad 5 bekommen wird.
Dass es jetzt wirklich ernst ist.
Und dass es nur noch eine Frage der Zeit ist.
Und da kam von ihm ganz klar:
Jetzt kommt Hilfe rein.
Pflegedienst.
Palliative Unterstützung.
Gespräch mit der Hausärztin.
Und wir versuchen, einen Hospizplatz zu bekommen.
Das war der Moment, wo wir gesagt haben:
So geht es nicht weiter.
Hilfe organisieren – die am Ende keine war
Wir haben uns sofort gekümmert.
Mein Mann hat den Termin bei der Hausärztin organisiert.
Ich habe mich um einen Pflegedienst gekümmert.
Morgens und abends zum Waschen.
Aber selbst das hat am Ende nichts gebracht.
Meine Mutter hat die Pflegekräfte immer wieder weggeschickt.
Sie wollte keine Hilfe.
Und so ist am Ende wieder alles bei mir hängen geblieben.
Wie vorher auch.
Nur mit noch mehr Druck.
Das ging ein paar Wochen so – oder vielleicht auch weniger.
Ich kann es heute gar nicht mehr genau sagen, weil in dieser Zeit alles verschwimmt.
Die Entscheidung der Hausärztin
Dann hatten mein Mann und ich den Termin bei der Hausärztin.
Wir haben ihr alles geschildert.
Und diesmal hat sie sofort reagiert.
Sie hat uns eine Einweisung fürs Krankenhaus fertig gemacht und ganz klar vermerkt, dass meine Mutter nicht entlassen werden soll, bis ein Hospizplatz frei ist, weil es keine ausreichende Versorgung mehr gibt.
Sie wollte am Nachmittag noch vorbeikommen und nach ihr schauen.
Der Moment, in dem alles kippt
Während der Pflegedienst bei meiner Mutter war, sind wir zum Pflegedienst gefahren, um die Pflege zu beenden, weil klar war, dass sie an dem Tag ins Krankenhaus kommen soll.
Auf dem Rückweg hat mich die Pflegekraft angerufen.
Sie sagte, meine Mutter hätte so starke Schmerzen, dass sie sie nicht mehr waschen können und der Bauch noch weiter aufgebläht sei.
Ich habe das Gespräch relativ schnell beendet und gesagt, dass wir in zwei Minuten da sind.
Wir waren praktisch schon vor der Tür.
Als wir oben waren, habe ich noch kurz mit den Pflegekräften gesprochen, mich bedankt und ihnen gesagt, dass die Pflege jetzt beendet ist.
Und gleichzeitig wusste ich:
So, wie es war, hat es uns sowieso nicht wirklich geholfen.
Ein Satz, der alles verändert
Zwei Stunden später kam die Hausärztin.
Sie hat meine Mutter angesehen und direkt gesagt, dass sie jetzt ins Krankenhaus kommt und von dort aus in ein Hospiz.
Und dann kam ein Satz, der sich eingebrannt hat:
Dass sie meine Mutter nicht wiedersehen wird.
Das war der Moment, in dem klar war, wie ernst es ist.
Sie hat uns auch gesagt, dass, wenn das Wasser aus dem Bauch abgelassen wird, meine Mutter das wahrscheinlich nicht überleben wird.
Dann hat sie sich verabschiedet und ist gegangen.
Als plötzlich wir die Schuldigen waren
Wir haben den Krankenwagen gerufen.
Und das, was dann passiert ist, kann ich bis heute kaum in Worte fassen.
Dieses Gefühl, das alles mitzuerleben, wie es plötzlich so real wird –
das ist nicht beschreibbar.
Und dann kamen die Vorwürfe.
Warum wir nichts gemacht hätten.
Warum sie in so einem Zustand ist.
Warum es keine Pflege gab.
Ich stand da und konnte es nicht fassen.
Wir haben so oft versucht, Hilfe zu bekommen.
Beim Palliativnetz.
Beim Notdienst.
Bei der Hausärztin.
Immer wieder.
Und jedes Mal hieß es, da könne man nichts machen.
Und plötzlich waren wir die Schuldigen.
Ein Moment, der sich einbrennt
Meine Mutter wurde mit der Feuerwehr aus dem Fenster geholt, weil es nicht anders ging.
Allein dieser Moment war schon kaum auszuhalten.
Abends sind wir noch ins Krankenhaus gefahren.
Und dort ging es genauso weiter.
Wieder Vorwürfe.
Wieder Unverständnis.
Wieder dieses Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.
Warum ich nichts gemacht hätte.
Warum ich sie so gelassen hätte.
Warum ich nicht früher gehandelt habe.
Und ich habe immer wieder gesagt:
Wir haben versucht, Hilfe zu bekommen.
Aber es hat niemanden interessiert.
Als ich nicht mehr weiter wusste
Das war der Moment, in dem ich wirklich nicht mehr wusste, wo oben und unten ist.
Ich war nicht nur erschöpft.
Ich war hilflos.
Weil ich alles versucht habe –
und es trotzdem nicht gereicht hat.
Und weil ich am Ende das Gefühl hatte,
dass wir die Schuld tragen sollen für etwas,
das wir nie alleine hätten auffangen können.
Abschluss
Das war der Punkt, an dem ich angefangen habe zu verstehen,
wie kaputt dieses System sein kann.
Dass du alleine gelassen wirst, wenn du Hilfe brauchst –
und am Ende noch erklären musst, warum es so weit gekommen ist.
Und genau dieses Gefühl…
das lässt dich nicht einfach los.

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