Der Morgen begann ruhig
Meine Hebamme kam nach langer Zeit mal wieder vorbei, um zu schauen, wie der Stand ist.
Ich erzählte ihr, dass alles ruhig war – keine Wehen, keine Veränderung. Nur dieses eine nagende Gefühl:
Ich kann einfach nicht mehr.
Diese Schwangerschaft hatte mich an meine Grenzen gebracht.
Ich sah sie an und sagte leise:
„Ich hab keine Lust mehr auf diese Schwangerschaft.“
Sie lächelte verständnisvoll, blieb ganz ruhig – so, wie ich sie kannte – und meinte schließlich:
„Dann können wir ja ein bisschen nachhelfen.“
Sie gab mir eine Liste mit Möglichkeiten, um die Geburt auf natürliche Weise anzuschieben.
Ich entschied mich, auf ihren Rat hin, für Rizinusöl.
Ein ganz normaler Tag – dachte ich
Mein Großer und ich fuhren gemeinsam in die Apotheke.
Er war stolz, mir zu helfen, und ich war innerlich aufgeregt, aber auch irgendwie erleichtert.
Mit der kleinen Flasche Rizinusöl in der Hand fuhren wir wieder nach Hause.
Dort machte ich mir – wie empfohlen – ein Rührei mit Rizinusöl.
Ein seltsames Frühstück, das aber erstaunlicherweise wirklich helfen sollte.
Nach dem Essen gingen wir mit dem Hund spazieren.
Die Sonne schien durch die Wolken – und immer wieder merkte ich, wie mein Bauch hart wurde.
Ich hätte nie gedacht, dass das Rizinusöl so schnell wirken würde –
doch ich wurde eines Besseren belehrt.
Wieder zu Hause angekommen, räumte ich noch ein wenig auf.
Nebenbei startete ich meine Wehen-App, um zu beobachten, wie regelmäßig die Abstände wurden.
Die Wehen kamen nun gleichmäßig, aber noch nicht schmerzhaft.
Die App zeigte: „Kliniktasche packen und langsam ins Krankenhaus fahren.“
Jetzt wird’s ernst
Ich schrieb meinem Mann, der gerade auf der Arbeit war.
Er machte sich sofort auf den Weg nach Hause.
In der Zwischenzeit klärte ich, dass die Jungs bei Oma und Uroma bleiben konnten.
Als mein Mann ankam, wollte ich noch schnell duschen – ein letztes Mal durchatmen.
Währenddessen packte er die Kliniktasche fertig.
Ich fühlte mich ruhig, fast gelassen, und wollte eigentlich noch ein bisschen zu Hause bleiben.
Doch mein Mann sah mich an und meinte nur:
„Ich will nicht, dass du mir hier im Wohnzimmer das Kind bekommst.“
Also fuhren wir los.
Im Krankenhaus
Etwa 30 Minuten dauerte die Fahrt.
In der Notaufnahme meldeten wir uns an, bevor es mit dem Aufzug in den zwölften Stock zum Kreißsaal ging.
Dort wurden wir freundlich empfangen – von einer Hebamme und einer Hebammenstudentin.
Sie fragten nach den Wehenabständen, und ich antwortete:
„So alle fünf Minuten, mal mehr, mal weniger.“
Wir wurden in ein Zimmer gebracht, um ein CTG zu schreiben.
Der Muttermund war zu diesem Zeitpunkt fingerdurchlässig.
Also hieß es: 30 Minuten liegen und abwarten.
Die Wehen waren auf dem CTG deutlich zu sehen.
Natürlich machte ich gleich ein Foto und stellte es in meinen Status.
Wenig später schrieb meine Schwester mir völlig aufgeregt:
„Halt, stopp – hab ich was verpasst?! Du bist im Krankenhaus?! Kommt sie etwa heute?!“
Ich lachte. Ihre Reaktion war einfach herrlich.
Nach einer Stunde kam die Hebamme wieder.
Wir durften entscheiden, ob wir bleiben oder noch einmal heimfahren und um 18 Uhr zum nächsten CTG wiederkommen wollten.
Aber für zwei Stunden hin- und herfahren – das ergab keinen Sinn.
Also entschieden wir, zu bleiben.
Laufen, Treppen, Regen
Wir gingen eine Runde durch den Park, um die Wehen in Bewegung zu halten.
Doch plötzlich fing es an zu regnen.
Ich sah meinen Mann an und sagte lachend:
„Vielleicht sollten wir doch noch mal nach Hause fahren – da haben wir wenigstens was zu tun.“
Er schüttelte nur den Kopf und meinte:
„Schatz, du hast echt einen an der Macke.“
Also blieb ich – und lief Treppen.
Rauf, runter, wieder rauf.
Die Wehen wurden seltener, aber dafür deutlich stärker.
Der Wendepunkt
Gegen 17:30 Uhr klingelten wir wieder im Kreißsaal.
Ich wollte etwas gegen die Schmerzen bekommen – sie waren inzwischen heftig und tief.
Die Hebamme schickte uns zurück ins Zimmer, und die Studentin schloss wieder das CTG an.
Die Abstände waren länger, aber die Ausschläge auf dem Gerät deutlich stärker.
Nach ein paar Minuten kam die Hebamme.
Sie wollte mit mir sprechen, doch mit jeder neuen Wehe liefen mir die Tränen übers Gesicht.
Ich konnte kaum antworten.
Also entschied sie, mir ein Schmerzmittel zu geben.
Dann untersuchte sie den Muttermund erneut.
„Zwei Zentimeter“, sagte sie.
Diese Worte werde ich nie vergessen.
Noch so ein langer Weg, dachte ich.
Die Hebammen verließen den Raum.
Mein Mann hielt meine Hand, redete ruhig auf mich ein:
„Du machst das so toll, wirklich.“
Und dann ging alles ganz schnell
Plötzlich spürte ich, wie meine Hose nass wurde.
„Es wird nass …“, brachte ich noch hervor.
Mehr kam nicht.
Mein Mann drückte den Notrufknopf.
Das CTG fing an zu piepen.
Die Studentin kam herein, schaltete das Gerät stumm und fragte, was los sei.
Mein Mann – völlig überfordert – sagte nur:
„Das Gerät piept, und meine Frau sagt, es wird nass.“
Sie nickte, meinte: „Ich sag der Hebamme Bescheid“, und verließ den Raum.
Doch niemand kam.
Ich spürte, wie der Druck immer stärker wurde.
„Zieh die Hose aus!“, schrie ich meinen Mann an.
„Schnell – sie kommt!“
Er drückte erneut den Knopf, doch wieder passierte nichts.
Also half er mir, die Hose auszuziehen. Er machte sich schon bereit selber zur Hebamme zu werden und schaute YouTube Videos 😀
Und in diesem Moment kamen endlich beide Hebammen hereingestürmt.
Ich hörte nur:
„Oh, das hört sich so an, als ginge es los!“
Die Hebamme zog sich hastig um, setzte sich zu mir und sagte ruhig:
„Ich sehe schon das Köpfchen.“
Drei Presswehen.
Und dann – war sie da.
Der Moment danach
Unsere kleine Prinzessin kam am 05. Januar 2024 um 19:10 Uhr zur Welt.
52 cm groß, 2980 Gramm schwer, mit einem Kopfumfang von 34 cm.
Ich zitterte am ganzen Körper.
Als sie mir meine Tochter auf die Brust legten, sah ich sie an – und spürte … nichts.
Keine Freude, keine Erleichterung. Nur Leere.
Ich konnte nicht begreifen, dass sie wirklich da war.
Die Hebamme nahm sie mir schließlich ab – die U1 stand an.
Ich hörte ihr sanftes Weinen im Hintergrund, während ich versuchte, wieder zu mir zu kommen.
Mein Mann erzählte mir später in aller Ruhe, dass sie die Nabelschnur um Hals, Bauch und Schultern gewickelt hatte – fast wie ein kleiner Rucksack, der an ihr klebte.
ich selbst wusste in diesem Moment nichts davon.
Dann wurde mir langsam bewusst:
Sie ist da.
Unser letztes Kind.
Unsere Tochter, die unser Leben noch einmal komplett auf den Kopf stellen würde.
Und meine Schwester schrieb mir voller Freude – sie konnte kaum glauben, dass sie wirklich Tante geworden war.
Der Herzfehler, der in der Schwangerschaft entdeckt worden war, machte übrigens keinerlei Probleme.
Sie war gesund.
Kämpferisch.
Und vom ersten Moment an – vollkommen. ❤️

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